Tech Solutions - Tech Stack Strategie
ERP, Best-of-Breed oder Plattform-Strategie?
Wie Unternehmen ihren Tech-Stack wählen sollten. Und warum diese Entscheidung nie allein eine IT-Frage ist.

Wie Unternehmen den richtigen Tech Stack wählen - und warum sie mit dem falschen Tech Stack im Markt scheitern
In vielen Unternehmen wirkt die IT-Landschaft wie ein historisches Dokument. Sie erzählt von früheren Entscheidungen, von Wachstumsphasen, von Krisen und von gut gemeinten Einzelinitiativen. Ein ERP wurde eingeführt, um Ordnung zu schaffen. Später kamen spezialisierte Systeme hinzu, um fachliche Lücken zu schließen. Schnittstellen wurden ergänzt, Systeme zur Angebotserstellung oder Produktverwaltung provisorisch angeschlossen, Reportings erweitert, Daten repliziert. Irgendwann sprach man von einer „gewachsenen Landschaft“.
Was selten ausgesprochen wird: Diese IT-Landschaft ist nicht neutral. Sie prägt, wie das Unternehmen arbeitet, entscheidet und steuert. Sie beeinflusst, wie schnell Informationen verfügbar sind, wie zuverlässig Prognosen werden und wie klar Verantwortung wahrgenommen werden kann. Der Tech-Stack ist kein Werkzeugkasten. Er ist ein Strukturmodell des Unternehmens. Und nicht selten entscheidet genau dieses Setup über Markterfolg oder Insolvenz eines Unternehmens. Klingt übertrieben? Wahre Geschichte…
Deshalb ist die Frage „ERP oder Best-of-Breed?“ in der Praxis viel zu kurz gegriffen. Sie verkennt, dass es hier nicht um Software geht, sondern um unterschiedliche Logiken der Unternehmensführung.
Drei grundlegende Ansätze – und warum sie mehr sind als IT-Architektur
ERP, Best-of-Breed oder Plattformstrategie sind Begriffe, die nicht primär technische Setups in Unternehmen bezeichnen, sondern unterschiedliche Denkmodelle darüber, wie ein Unternehmen organisiert, gesteuert und weiterentwickelt wird. Wer sie nur als Softwarekategorien versteht, verfehlt ihren eigentlichen Einfluss.
Im Kern geht es bei allen drei Ansätzen um dieselbe Fragen: Wo entstehen die maßgeblichen Informationen? Wie werden sie im Unternehmen zusammengeführt? Und wie werden daraus Entscheidungen abgeleitet?
Die ERP-zentrierte Logik: Ordnung durch Zentralisierung
- Der klassische ERP-Ansatz folgt dem Prinzip der Zentralisierung. Ein zentrales System bildet die wesentlichen Geschäftsprozesse, Stammdaten und Regeln des Unternehmens ab. Prozesse sind weitgehend standardisiert, Abweichungen werden minimiert, Veränderungen bewusst kontrolliert.
- Die ERP-Logik betrachtet das Unternehmen als integriertes Ganzes, dessen Stabilität durch Einheitlichkeit entsteht. Steuerung erfolgt über konsistente Daten, klare Prozessdefinitionen und verlässliche Routinen. Transparenz wird durch einheitliche Abbildung erreicht, nicht durch Vielfalt.
- ERP-zentrierte Architekturen sind deshalb besonders dort stark, wo Effizienz, Wiederholbarkeit und Verlässlichkeit entscheidend sind. Sie reduzieren Komplexität, indem sie Varianz begrenzen und nehmen bewusst in Kauf, dass Anpassung Zeit und Struktur erfordert.
Die Best-of-Breed-Logik: Stärke durch Spezialisierung
- Der Best-of-Breed-Ansatz geht von einer anderen Annahme aus: unterschiedliche Unternehmensfunktionen haben unterschiedliche Anforderungen und diese werden am besten durch spezialisierte Systeme erfüllt. Vertrieb, Marketing, Service, Planung oder Analyse nutzen jeweils Lösungen, die auf ihre fachlichen Bedürfnisse optimiert sind.
- Diese Logik betrachtet das Unternehmen als Zusammenspiel leistungsfähiger Einheiten. Fortschritt entsteht durch funktionale Exzellenz, nicht durch einheitliche Abbildung. Integration verbindet die Systeme, nicht umgekehrt.
- Best-of-Breed-Architekturen erzeugen häufig hohe Innovationsgeschwindigkeit und Nähe zum jeweiligen Fachbereich. Gleichzeitig wächst der Bedarf an Koordination: Daten müssen synchronisiert, Prozesse über Systemgrenzen hinweg abgestimmt und Verantwortlichkeiten klar definiert werden. Steuerung verlagert sich von zentraler Ordnung hin zu bewusster Abstimmung.
Die Plattformlogik: Steuerung durch Orchestrierung
- Die Plattformstrategie setzt nicht bei einzelnen Systemen an, sondern bei deren Zusammenspiel. Sie akzeptiert, dass Vielfalt existiert – ERP, Fachsysteme, spezialisierte Anwendungen – und macht diese Vielfalt bewusst steuerbar.
- Plattformen sind keine monolithischen Systeme und keine bloßen Integrationsschichten. Sie sind ein Ordnungsrahmen, der definiert, wie Informationen fließen, wie Daten interpretiert werden und wie Entscheidungen vorbereitet werden. Im Mittelpunkt steht nicht die Frage, welches System etwas kann, sondern welche Wirkung das Zusammenspiel erzeugt.
- Diese Logik betrachtet das Unternehmen als dynamisches System, das lernen, reagieren und sich anpassen muss. Steuerung entsteht nicht durch vollständige Standardisierung, sondern durch klare Leitplanken, gemeinsame Datenlogik und explizite Entscheidungsmechanismen.
- Plattformansätze sind besonders dort relevant, wo Unternehmen mehrere Geschäftsmodelle, hohe Marktdynamik oder komplexe Wertschöpfungsketten orchestrieren müssen. Sie helfen dort, wo Führung nicht nur Effizienz, sondern Anpassungsfähigkeit sichern soll.
Diese drei Ansätze repräsenttieren drei Logiken und drei Steuerungsverständnisse. Sie schließen sich nicht gegenseitig aus. In der Praxis existieren sie oft nebeneinander. Entscheidend ist jedoch, welche Logik dominiert und ob diese Dominanz bewusst gewählt wurde.
ERP, Best-of-Breed und Plattformstrategie sind keine konkurrierenden Technologien. Sie sind unterschiedliche Antworten auf dieselbe Führungsfragen: Wie viel Ordnung brauchen wir? Wie viel Spezialisierung erlauben wir? Und wie bewusst gestalten wir das Zusammenspiel? Erst wenn diese Fragen geklärt sind, wird die technische Diskussion sinnvoll.
Wenn Technik implizit Führung übernimmt
Die meisten Systemlandschaften entstehen allerdings nicht aus einer bewussten architektonischen Entscheidung. Sie entstehen schrittweise. Ein ERP wird als Rückgrat etabliert. Fachbereiche ergänzen Lösungen, um schneller oder besser arbeiten zu können. Integration folgt dem Bedarf. Daten werden verteilt, gespiegelt, ausgewertet.
Was dabei entsteht, ist ein implizites Operating Model. Entscheidungen darüber, wo Daten entstehen, wer sie interpretiert, welche Kennzahlen zählen und welche nicht, werden faktisch von Systemgrenzen bestimmt – nicht von der Unternehmensführung.
Genau hier liegt der Ursprung vieler Steuerungsprobleme. Unternehmen investieren massiv in Technologie und wundern sich später, warum Entscheidungsfähigkeit nicht im gleichen Maß wächst. Die Systeme funktionieren – aber das Zusammenspiel erzeugt keine Klarheit.
Wann ist also welche Architektur-Lösung die Richtige?
Die klassische ERP-Zentrierung folgt der klaren Idee, dass ein zentrales System alle Prozesse, Daten und Regeln konsistent abbildet. Abläufe werden standardisiert, Kontrolle wird erleichtert. Diese Logik ist historisch erfolgreich, insbesondere in industriellen Kontexten mit stabilen Prozessen und hoher Wiederholbarkeit.
ERP-Zentrierung schafft also auf den ersten Blick Sicherheit. Sie macht statische Organisationen berechenbar. Sie unterstützt Effizienz, Qualität und Compliance. Gleichzeitig verlangt sie viel Disziplin: Prozesse müssen sich dem System anpassen, nicht umgekehrt. Veränderung ist möglich, aber sie folgt einem strukturierten, oft langsamen Rhythmus.
Die ERP-Logik ist weder veraltet noch falsch. Sie wird aber heutzutage regelmäßig dort problematisch, wo Märkte, Kundenanforderungen oder Geschäftsmodelle schneller variieren, als das System Veränderung zulässt. Dann beginnt die Organisation, das ERP zu umgehen – nicht aus Widerstand, sondern aus Notwendigkeit. Und das ist mittlerweile leider bei ca. 50-60% aller Unternehmen der Fall, die der klassischen ERP-Logik (noch) folgen.
Best-of-Breed-Architekturen entstehen meist aus dem berechtigten Wunsch nach fachlicher Exzellenz. Marketing will bessere Kampagnensteuerung, Vertrieb mehr Transparenz, Service höhere Reaktionsfähigkeit. Spezialisierte Systeme versprechen schnelle Verbesserungen und liefern sie oft auch.
Kurzfristig entsteht durch Best-of-Breed hohe Beweglichkeit und Reagibilität. Und so gut wie alle Organisationen benötigen die mehr denn je. Langfristig jedoch wächst daraus eine oft kaum zu übersehende Komplexität. Daten liegen in unterschiedlichen Kontexten, Prozesse verlaufen über Systemgrenzen hinweg, Verantwortlichkeiten verschwimmen. Steuerung wird zur Integrationsaufgabe.
Best-of-Breed ist kein Fehler. Aber es ist ein Modell mit hohen Anforderungen an Architekturführung und Governance. Ohne diese Disziplin verlagert sich Steuerung schleichend von der Unternehmensleitung in die Systemlandschaft. Entscheidungen werden dort vorbereitet, wo Daten liegen – nicht dort, wo Verantwortung verankert ist.
Die Idee der Plattform-Architektur oder auch Plattform-Strategie wird oft missverstanden als technologische Modernisierung oder als modisches Schlagwort. In Wirklichkeit ist sie ein Führungsansatz. Plattformen ersetzen keine Systeme. Sie verbinden sie.
Entscheidend bei der Plattform-Strategie ist nicht, welche Anwendungen existieren, sondern wie Informationen, Prozesse und Entscheidungen über Systemgrenzen hinweg zusammengeführt werden. Die Plattformlogik akzeptiert Vielfalt, schafft aber Klarheit darüber, wie diese Vielfalt gesteuert wird.
Im Kern geht es um drei Fragen: Welche Systeme sind für welche Art von Informationen das führende System (z. B. mit dem sogenannten Golden Record) und für welche Art der Datentransparenz zuständig? Wie fließen Informationen so, dass sie Entscheidungen ermöglichen – nicht nur Berichte? Und wie wird Veränderung möglich, ohne jedes Mal die Organisation neu zu strukturieren?
Plattformen zielen nicht auf maximale Standardisierung, sondern auf steuerbare Beweglichkeit. Sie sind besonders dort sinnvoll, wo Unternehmen lernen müssen, mit Unsicherheit umzugehen – ohne Stabilität zu verlieren.
Organisches Wachstum der IT-Landschaft versus bewusste Tech Stack Architektur
Die meisten Unternehmen finden sich heute in einer hybriden Realität wieder. Sie haben einen ERP-Kern, ergänzt durch spezialisierte Lösungen, verbunden durch gewachsene Integration. Diese Landschaft ist nicht falsch – aber sie ist selten bewusst gestaltet.
Der Unterschied zwischen funktionierenden und überforderten Organisationen liegt nicht im Ausgangspunkt, sondern im Umgang damit. Unternehmen, die ihre Architektur nicht explizit machen, akzeptieren implizite Steuerung. Unternehmen, die ihre Architektur bewusst gestalten, gewinnen Entscheidungsfähigkeit zurück.
Der entscheidende Schritt ist dabei kein „Big Bang“. Es ist die Entscheidung, Architektur als Führungsaufgabe zu begreifen – nicht als technisches Detail.
Zielbilder sind eben keine Idealbilder. In der Praxis existieren keine reinen Modelle. Es gibt stabile Effizienz-Setups, funktional getriebene Best-of-Breed-Landschaften, orchestrierte Plattformansätze und zahlreiche Übergangsformen. Entscheidend ist nicht, welche Architektur man als Zielbild wählt, sondern ob man weiß, warum man es wählt – und welche Konsequenzen damit verbunden sind. Hauptsache, ein Unternehmen gestaltet seine Ziel-Architektur bewusst und an die Anforderungen der Zukunft und der nötigen Business Transformation angepasst.
Ein ERP-zentriertes Modell ist sinnvoll, wenn Stabilität und Reproduzierbarkeit dominieren. Ein Best-of-Breed-Ansatz kann Innovation beschleunigen, wenn Architekturführung vorhanden ist. Plattformlogiken entfalten ihren Wert dort, wo Steuerung, Lernen und Skalierung strategisch sind. Gefährlich ist nicht das Modell. Gefährlich ist die Unklarheit.
Architektur als Spiegel der Unternehmensführung
Am Ende ist die Wahl des Tech-Stacks eine Aussage darüber, wie ein Unternehmen geführt werden will. Sie entscheidet darüber, ob Steuerung reaktiv oder gestaltend erfolgt, ob Transparenz zu Handlung führt oder zu Überforderung, ob Veränderung Ausnahme bleibt oder Teil des Systems wird.
Technologie folgt Organisation. Aber Organisation folgt ebenso Technologie. Wer diese Wechselwirkung ignoriert, delegiert Führung an Systeme. Die Kernfrage lautet also nicht, ob Ihr Unternehmen ERP, Best-of-Breed oder eine Plattform nutzt. Die Kernfrage lautet vielmehr: Spiegelt Ihre Systemarchitektur die Art wider, wie Sie Ihr Unternehmen steuern wollen – oder lediglich die Geschichte, wie sie entstanden ist? Genau an diesem Punkt beginnt strategische Architekturarbeit.
