Kolumne: Die Realität der Big Player
Wenn ein Konzern Ordnung sucht
Gedanken zum Umbau bei Volkswagen

Kolumne von Dr. Tobbias Schloemer
Im Laufe der Jahre habe ich einige Reorganisationsprogramme von innen gesehen.
Nicht nur aus der Beraterperspektive, sondern als Teil des Systems.
Als Treibender und als Getriebener.
Als Teil des Vorstandsteams. Als Bereichsleiter. Als Teil des Change-Teams.
Als Betroffener. Als Mitverantwortlicher für Post-Merger Integrationen.
Reorganisations-Kickoffs mit den Führungsmannschaften an den wildesten Plätzen.
Um Zeichen zu setzen.
Im Bundestagsgebäude.
In der Wüste Dubais.
Im Olympia-Center in den französischen Hochalpen.
Auf einem Golfplatz mit eingeflogenen Harvard-Professoren.
Diese Beispiele bringe ich nicht an, um anzugeben.
Vielmehr möchte ich nur bildhaft verdeutlichen, wie groß und manchmal wie händeringend die Bemühungen eines C-Level sein können, um die Top-Mannschaft mitzunehmen.
Auch wenn die Hälfte davon nach dem Führungskräfte-Event nicht mehr ins Büro zurückkehrt.
Oder ins Ausland geschickt wird. Auch mein Name stand einmal nicht mehr auf dem Organigramm.
Ich kenne beide Seiten.
Deshalb habe ich die aktuellen Berichte über das Reorganisationsprogramm der Volkswagen Gruppe mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen. Ich sehe darin weniger ein Sparprogramm und mehr ein strukturelles Signal.
Eine Milliarde Euro Einsparungen bis 2030.
Verschlankung von Führungsstrukturen.
Bündelung zentraler Funktionen.
Weniger Gremien, klarere Zuständigkeiten.
Für Außenstehende ist das schnell eine Kostenmeldung.
Für jemanden, der solche Programme gestaltet, betrieben und erlebt hat, ist es etwas anderes.
Es ist ein Ordnungsversuch.
Wenn Organisationen nicht zu teuer, sondern zu schwerfällig werden
In vielen Konzernen entsteht über Jahre ein System, das gut gemeint ist:
Mehr Abstimmung, mehr Absicherung, mehr Differenzierung nach Marken, Regionen, Funktionen.
Irgendwann kippt das Gleichgewicht.
Nicht, weil Menschen inkompetent wären.
Nicht, weil Strategien fehlen.
Sondern weil Entscheidungen zu viele Wege nehmen müssen.
Dann wird nicht mehr geführt, sondern moderiert.
Nicht mehr priorisiert, sondern parallelisiert.
Nicht mehr entschieden, sondern vertagt.
Aus eigener Erfahrung weiß ich:
Der Punkt, an dem ein Vorstand über eine solche Reorganisation nachdenkt, ist selten ein rein finanzieller.
Es ist ein steuerungslogischer.
Warum solche Programme intern meist alternativlos wirken
Wer nie in einem Großunternehmen gearbeitet hat, unterschätzt vielleicht, wie stark sich Komplexität verselbstständigt.
Mehr Marken bedeuten mehr Eigenlogiken.
Mehr Regionen bedeuten mehr Ausnahmen.
Mehr Gremien bedeuten mehr Verantwortung auf dem Papier. Und weniger im Alltag.
Wenn dann Märkte volatiler werden, Technologien schneller wirken und externe Schocks zunehmen, zeigt sich ein altes Problem sehr deutlich:
Die Organisation ist für Stabilität gebaut – nicht für dauerhafte Unsicherheit.
Reorganisationen wie bei Volkswagen sind in diesem Sinne kein Zeichen von Schwäche.
Sie sind der Programm, Entscheidungsfähigkeit zurückzugewinnen.
Ich betrachte solche Programme nie ausschließlich aus operativer oder finanzieller Perspektive, sondern stets durch die Frage: Wie verändern sie die Fähigkeit eines Unternehmens, Entscheidungen in komplexen Situationen zu treffen?
Verschlanken heißt nicht vereinfachen
Was dabei häufig missverstanden wird:
Weniger Vorstände, weniger Ebenen oder zentralisierte Funktionen sind kein Selbstzweck.
Aus meiner Erfahrung entscheidet sich der Erfolg solcher Programme an ganz anderen Punkten:
Sind Verantwortungsräume wirklich klar oder nur neu verteilt?
Wird Entscheidungskompetenz gebündelt oder lediglich formal verschoben?
Gibt es eine gemeinsame Logik, was Vorrang hat ? Oder gibt es nur neue Linien im Organigramm?
Ich habe Reorganisationen mitgestaltet und erlebt, die Kraft freigesetzt haben.
Und andere, die lediglich alte Komplexität neu sortiert haben.
Der Unterschied lag nie in der Struktur allein.
Er lag in der Klarheit der Entscheidungslogik.
Der Wert solcher Programme liegt nicht in ihrer Größe, sondern darin, was sie über die zugrunde liegenden steuerungslogischen Spannungen aussagen. Spannungen, die jede Organisation irgendwann erlebt.
In meinen eigenen Reorganisationserfahrungen entscheidet sich Erfolg dort, wo aus diesen Spannungen heraus die Verantwortungsräume nicht nur neu definiert, sondern auch tatsächlich implementiert, als Change und Business-Impuls verstanden und über Shadowing begleitet werden.
Eine stille Botschaft an andere Unternehmen
Das VW-Programm ist kein Blaupausenmodell.
Aber es ist ein Spiegel.
Viele mittelständische Unternehmen und Konzerne stehen heute vor ähnlichen Fragen.
Oft unausgesprochen:
Wo entscheiden wir zu spät, weil niemand mehr wirklich zuständig ist?
Wo laufen Initiativen nebeneinander, weil Priorisierung politisch geworden ist?
Wo verwechseln wir Abstimmung mit Führung?
Nicht jedes Unternehmen braucht eine große Reorganisation.
Aber fast jedes Unternehmen braucht gelegentlich eine ehrliche Antwort auf die Frage:
Ist unsere Organisation noch so gebaut, dass Führung wirksam sein kann?
Mein letzter Gedanke
Den Umbau bei Volkswagen lese ich nicht nicht als Sparprogramm.
Ich lese ihn als Ausdruck eines größeren Themas, das viele Unternehmensleitungen aktuell beschäftigt:
Wie bleibt man handlungsfähig, wenn Komplexität nicht mehr die Ausnahme, sondern der Normalzustand ist?
Was Management heute braucht, ist nicht nur mehr Daten, sondern eine gemeinsame Sprache für Prioritäten, Verantwortungen und Eskalationslogiken.
Diese Fragen sind nicht nur Wolfsburger Realität, sondern Management-Herausforderungen, die jede Organisation irgendwann trifft. Und für die es Antworten, aber keine Standard-Antworten gibt.
Diese Fragen stellen sich gerade jetzt in sehr vielen Vorstandsetagen.
Oft leiser, als es die Schlagzeilen vermuten lassen.
